Irischer Wein

 

Werden hier bald Reben stehen? Greifswalder Rodelparadies

 

 

Greifswald (SPA): Die Frage, was denn nun zuerst gewesen sei, das Fest oder die Rebe, erhielt in der Hansestadt Greifswald eine bemerkenswerte Antwort. Ein in der letzten Woche ausgetragenes Weinfest trieb tausende Besucher in die Innenstadt und sorgte am kulturumwobenen und verkaufsoffenen Samstagabend für einen rappelvollen Marktplatz, wo ein Rekordbestand an Partymöbeln besetzt und an mobilen Ständen neben dem gewohnten Bier auch allerlei Wein oral verschüttet werden konnte.   

Als schicken Nebeneffekt der Veranstaltung registriert das Rathaus seit Donnerstag vermehrte Anfragen von potentiellen Winzern zu Liegenschaftskäufen mit Hanglage und Südexposition. Die Grundstückspreise für den Rodelberg (Foto) sowie die Südseiten des Walles und der Deichanlagen in Ladebow und Eldena explodieren, der Ebertberg, mit satten 29,5 Metern höchste Erhebung Greifswalds, gilt inzwischen gar als unbezahlbar. Studentische Hilfskräfte sind ab heute Morgen um 7:30 Uhr im Stadtgebiet unterwegs, um jede Erderhebung und jede Bodenwelle zu kartieren. Also, liebe Leute: Passt auf eure Kieshaufen auf!

 

Dabei ist die Weintradition der Universitäts- und Hansestadt eine überschaubare. Von den slawischen Stämmen der Obodriten und Wilzen ist nicht bekannt, dass sie neben der Urbarmachung pommerscher Böden auch dem Anbau der Rebe frönten. Die Darguner Ordensbrüder, die etwa 300 Jahre später den Ryck heraufkamen, um das Kloster Eldena und damit quasi Greifswald zu gründen, galten weniger als Weinbauern denn als hervorragende Bierbrauer. Ein Fakt, an den sich heute jeder schmerzlich erinnern sollte, der in Versuchung kommt, ein Darguner Pils in die Kehle zu füllen. 

 

Im dunklen Mittelalter herrschte nicht nur weinbaumäßig tote Hose, zumal vor Ort skandinavische Bürger ihr Unwesen trieben, denen allein die diesbezügliche Fähigkeit nachgesagt wurde, auf Sicht einen Weiß- von einem Rotwein unterscheiden zu können. Erwähnenswerte Versuche, Wein in Greifswald zu keltern, lassen sich erst für die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts nachweisen.

 

Während in Greifenbräutown die Selektion grüner und brauner Bierflaschen in den Kaufhallen boomte, was bei Rosenthaler Kadarka im Übrigen kein Qualitätskriterium darstellte, wurden vier Biologie-Studenten zu Pionieren in der Herstellung des göttlichen Gesöffs. Sepp, dessen ziegenartiges Gelächter zu Lokalverboten führte, der Schicke, da er weiche Locken trug, der Sir, ein ausgewiesener Molluskenspezialist, und der Faule Todt, der, der Leser wird es vermuten, nur für kleine Hilfsarbeiten (Schmiere stehen, Beutel reichen) zu gebrauchen und zu motivieren war, betrieben in ihrem Zimmer eines Studentenwohnheimes in der Beimlerstraße eine kleine Privatkelterei.

 

Irischer Wein: The Old Main Drag

 

Auf den Klamottenschränken und in jeder freien Ecke blubberte es in bauchigen Gläsern und Reagenzien daher. Als Produktionsgrundlage dienten neben reinem Alkohol keine Trauben, wir hatten ja nichts, sondern mehrere Tüten vietnamesischer Reis aus der Kaufhalle Nord hier und einige bei Mondlicht auf einer inzwischen verbauten Obstplantage beschlagnahmte Äpfel dort. Allerdings führte die offensive Vermarktung einer ersten Verkostung des Getränks in jeder Weinbausaison dazu, dass in der zu diesem Anlass hoffnungslos überfüllten Privatkelterei niemals ein Gefäß die zweite Gärstufe und somit eine Endverbraucherreife erreichte. Außerdem klagten die Konsumenten über Nebenwirkungen, die im schlimmsten Falle denen einer Amnesie glichen. Das Jahr 1988 bleibt somit das letzte, in dem in Greifswald der ernsthafte Versuch unternommen wurde, Rebensaft zu produzieren und mit dem sich vor Ort die Austragung eines traditionellen Weinfestes begründen lässt.

 

Jungs an der Nebelmaschine, schüchterne Mädchen tanzen

 

Trotzdem: die Leute hatten ihren Spaß. Zur kulturellen Umrahmung zeigten sich am Samstag Musiker auf drei Bühnen. Das Gesuch der Veranstalter, Udo Jürgens zu exhumieren, um seinen Hit „Griechischer Wein“ zu präsentieren, muss allerdings im Vorfeld der Veranstaltung gescheitert sein. Brycke begeisterte sich an Stage Zwei, der mit viel Humor neben einem Laden namens Leiser installiert wurde. Dort traten The Old Main Drag auf, die über knappe drei Stunden bewiesen, dass eine klassische Modern Talking – Besetzung (Gitarre/Gesang, Gitarre) durchaus hinreichend ist, fantastische Musik zu machen. Kelten keltern. Die Band brachte schüchterne Mädchen zum Tanzen, beschäftigte kleine Jungs mit einer Nebelmaschine, bestach durch Freibier und ein Repertoire, in dem natürlich die Pogues nicht fehlten und das Platz für eigene Interpretationen der Klassiker von Boss Springsteen bis Neil Young, von Lynyrd Skynyrd bis zum Protestlied italienischer Reisflückerinnen bot. Überraschend waren auch Metallicas „Nothing else matters“ und der großartige Beatles-Song „You've Got To Hide Your Love Away“ zu hören.

Die nächste Chance, der Band zu lauschen, bietet sich am Samstag im Haus der Kultur (Brandteichstraße, 19 Uhr). Dort werden The Old Main Drag neben den PeachNuts und TeilZeitEngel zur Rocknacht die Bühne entern.

 

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Kommentare: 9
  • #1

    The Angry (Dienstag, 21 August 2018)

    Kein Weinanbau auf dem Rodelberg! Rainer Werner Faßbinder muß weg!

  • #2

    Lieselotte (Dienstag, 21 August 2018 11:34)

    Ich find's nicht okay, dass von den Festen erst berichtet wird, wenn sie rum sind!

  • #3

    Wilhelm Bürstig (Dienstag, 21 August 2018 11:36)

    Vielleicht kommt der Klimawandel ja auch nach Greifswald, dann klappt's auch besser mit dem Wein.

  • #4

    Lieselotte (Dienstag, 21 August 2018 11:37)

    Weil man mehr trinken kann, wenn es wärmer ist?

  • #5

    Sheldon Gently (Dienstag, 21 August 2018 11:40)

    Klimawandel gibt's nicht! Alles Fake-News!

  • #6

    Ricarda Bolithos (Dienstag, 21 August 2018 11:42)

    Aber schon der Alois Irlmaier hat gesagt, dass bei uns die Orangenbäume blühen werden.

  • #7

    Wihelm Bürstig (Dienstag, 21 August 2018 11:51)

    Keine Orangenbäume. Wo soll das hinführen, Räucheraal, Stremellachs mit Zwiebeln, Makrelenfilet auf dem Orangenliqueurfest am Hafen? Das wollen wir nicht. Nicht in Greifswald!

  • #8

    Brycke (Dienstag, 21 August 2018 12:26)

    Alois Irlmaier? Den kannte ich bislang nicht. Danke!

  • #9

    Wilhelm Bürstig (Dienstag, 21 August 2018 16:19)

    Den braucht man auch nicht zu kennen. Der war aus Bayern, aus Oberbayern!
    Was hat uns denn so einer von Orangenbäumen zu erzählen?