Der Stuhl des Nero

 

 

 

Greifswald (SPA): Wer kennt sie nicht - die verschollenen Schätze, nach denen überall auf der Welt fieberhaft gesucht wird? Das Bernsteinzimmer, das Zarengold, der Schatz der Tempelritter, jener der Nibelungen oder der Staatsschatz der Buren? Einen können all die Glücksritter nun von ihrer Liste streichen: den Stuhl des Nero.

Dass dieser ausgerechnet in den Greifswalder Fleischerwiesen wiederentdeckt wurde, haben wir den offenen und geschulten Augen von Dietmar Schliemann zu verdanken. Der Sellaloge (Stuhlforscher) der Universität Greifswald, die sich als einzige Hochschule Deutschlands den Luxus eines Lehrstuhls für Stuhlforschung leistet, konnte Anfang Januar bei einem Spaziergang durch das innerstädtische Biotop das am Wegesrand stehende Sitzmöbel als jenes des römischen Imperators identifizieren. Eine Expertise des herangezogenen Marco Sediavelli, Kurator am Museo di Risorgimento Rom, die letzte Woche von diesem persönlich in der Hansestadt vorgenommen wurde, brachte endgültige Sicherheit: bei dem Möbel handelt es sich eindeutig um den vermissten Nerostuhl.

 

 

Die von den römischen Geschichtsschreibern hinterlassenen Geschichten und Vermutungen zum Verbleib dieses Reliktes warfen immer wieder Zweifel und Fragen auf. Besonders die Niederschriften des Tacitus, nach denen der Stuhl des römischen Kaisers anno 61 auf einer seiner Exkursionen durch slawisches Siedlungsgebiet verlorengegangen sei, wurden dabei in das Reich der apeninischen Sagen und Märchen verwiesen. Nun finden die bildreichen Schilderungen, wonach der Nerostuhl von der Nachhut unentdeckt bei einer der Tagesreisen vom Streitwagen des Imperators gefallen sei, eine späte Bestätigung. 

 

 

 

 

 

Der Sellaloge Schliemann fragt sich schon, warum ein so auffälliges Möbelstück über knapp zwei Jahrtausende unbeachtet an einem Wegesrand stehen konnte. Gegenüber Brycke äußerte er sich so: "Ziehen wir einmal ein paar Jahrhunderte wegen Dünnbesiedlung ab, gibt es genau zwei Möglichkeiten: entweder geht hier keiner lang oder die Menschen haben den Nerostuhl als natürliches oder aus rituellen Gründen unberührbares Element der Landschaft wahrgenommen. Vielleicht ist es auch so, dass den Leuten der Blick für das Besondere im Leben abhanden gekommen ist." Wobei Schliemann direkt nach diesen Worten die erste Hypothese ausschloss. Denn sowohl in unmittelbarer Nähe des Stuhles als auch am vorbeiführenden Verkehrsweg, konnte der Fachmann, der auf Honorarbasis auch als Fährtenleser für die Polizeidirektion Anklam tätig ist, schliemannfremde Fußspuren, barfuß und beschuht, nachweisen.

 

 

Glaubt man den Aufzeichnungen der römischen Geschichtsschreiber, diente der Stuhl dem römischen Kaiser Nero, nicht allein als Sitzmöbel. In einem der umstrittensten Kapitel seiner Germania, schildert Tacitus, wie der Imperator das Möbelstück als Muse und Medium für gymnastische Auflockerungsübungen der kaiserlichen Gebeine auf seinen oft wochenlangen Reisen durch unbewohntes Gebiet nutzte. Demnach soll Nero den Stuhl einmal wöchentlich zugeritten und auf diesem durchaus anspruchsvolle Übungen wie Rollen und Handstände vollzogen haben. Schliemann hat in mehreren Feldversuchen die Beschreibungen des Tacitus nachgestellt und ist der Meinung, dass diese theoretisch durchaus korrekt sein könnten. Die Zweifel, dass sich imperiales Blut zu solch Spielereien an einem Möbelstück verleiten ließe, bleiben jedoch bestehen und lassen sich trotz des Wissens über ein in Jahrhunderten völlig umgekrempeltes Werte- und Klischeesystem nicht restlos aus der Welt schaffen.

 

 

 

Ob der Schatz im Besitz der Hansestadt Greifswald verbleiben darf, ist freilich sehr fraglich. Denn Marco Sediavelli brachte neben seinem Fachwissen auch einen Rückführungsantrag der italienischen Regierung mit an den Bodden. Dietmar Schliemann ist das egal. Schließlich hat er sich nicht nur einen Platz auf dem verschollen geglaubten Nerostuhl sondern auch einen in der neorömischen Geschichtsschreibung gesichert.

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Kommentare: 1
  • #1

    XY und Z (Freitag, 01 Februar 2019 21:49)

    Sehr lustig. Auch ich bin an diesem Stuhl mehrmals vorbeigelaufen :)