Platons Höhle

 

 

Greifswald (SPA): Eine Diskussion am Samstagabend zum Zustand der BILD-ung, des UNTER-RICHTENs und des Er-ZIEHENs an den Schulen und der Universität bringt mich dort dazu, eine kleine Anekdote aus meinen Studientagen preiszugeben, die, so die einhellige Meinung in unserer kleinen Runde, den Zustand des Systems selbst im Heute zutreffend beschreibt.

 

Hörsaal Ost war mit einer Tafel ausgestattet, die eine ungefähre Breite von fünf Metern aufwies. Professor T begann seine Mathematikvorlesung oben links mit dem Datum und erreichte 15 Minuten später das Tafelende unten rechts. Er löschte seine Kreidezeichnungen ab und begann erneut in der obigen linken Ecke mit dem Schreiben. Im Präkopierium unseres Lebens entwickelten wir dabei eine gewisse Arbeitsteilung. Jeder Zweite in unserer Hörsaalreihe schrieb per Blaupapierbogen für seinen linken Nachbarn mit, während dieser versuchte den Ausführungen des Professors zu folgen. Beides zusammen ging nicht und sowohl der eine als auch der andere Job boten wenig Potential, vergnügungssteuerlich belangt zu werden.

 

Die einzige Erkenntnis mit mathematischer Relevanz aus dieser Veranstaltungsreihe mit Professor T blieb jene, dass die errechnete Schreibfrequenz von sechs Tafeln pro 90minütiger Vorlesung die absolut korrekte war. Dies allein blieb für mein Leben hängen - als T ein sechstes Mal den Lappen schwang und kreidetrocken bemerkte: „In der morgigen Veranstaltung führen wir diesen Beweis weiter.“   

 

Das Besondere an den unendlichen Beweisführungen des Professors war die Verwendung altdeutscher Buchstaben. Als ich dann zur Zwischenprüfung bei ihm saß und versuchte, eine seiner Herleitungen zu rekapitulieren, benutzte ich diese nicht. Sie waren mir egal und zudem trieb mich deren Konstruktion an feinmotorische Grenzen. Professor T gefiel das überhaupt nicht. Er trat an seinen Schreibtisch, zog eine Lade auf, reichte mir ein Normheft, dessen Zeilen ich aus dem Technisch-Zeichnen-Unterricht in Erinnerung hatte, trug mir auf, dieses binnen drei Tagen mit altdeutschen Buchstaben zu füllen und kündigte an, die Fähigkeit, solche zeichnen zu können, in einer in sechs Wochen stattfindenden Wiederholungsprüfung zu evaluieren.   

 

Das in Platons Höhlengleichnis beschriebene Abbild der "Wahrheit" genoss bei Professor T also keine mathematische Relevanz. Sondern er fesselte seine Studenten fünf Semester in die harten Sitzschalen des Hörsaales Ost, um deren Erkenntnisse zu SEINER Realität nach jedem dieser Semester in einer Prüfung abzufragen. Und diese SEINE Realität bestand aus altdeutschen Buchstaben.  Wer sich SEINER Realität und damit seiner Matrix verwehrte, durfte nicht mitspielen.

 

Ich glaube nicht an Zufälle und gestern werden mir drei Azubis in jenem Moment geschickt, als ich eine Animation zu Platons Höhlengleichnis finde. In der Hoffnung auf eine kleine Diskussion lasse ich das Filmchen laufen und bereits nach den ersten Sequenzen ruft einer der Lehrlinge: „Hey, Höhlengleichnis! Das hatten wir gerade in der Schule.“ Erstaunt und neugierig frage ich zurück: „In der Berufsschule? Was habt ihr da genau gemacht?“ „Ein Arbeitsblatt, bei dem wir Vor- und Nachteile aufschreiben sollten.“ Ich hake nach: „Und was habt ihr da aufgeschrieben?“ Die Antworten kommen stockend: „Na Nachteile. Muskelabbau bei den Gefangenen zum Beispiel. Und der, der ins Licht geht, könnte getötet werden.“ Einen Moment warte ich, mehr kommt jedoch nicht. Dann frage ich erneut: „Ist das gut oder schlecht?“ „Naja schlecht. Dann gehe ich lieber zurück in die Höhle.“ „Aber warum das?“

 

„Dort sind die Wärter.“   

 

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