Danish Dynamite

 

 

Greifswald (SPA): Als es an die Verteilung der dänischen Schlafgäste geht, muss ich als neues Mitglied der Beherbergungsgemeinde sehen, was übrig bleibt. Das geheimnisvolle Getuschel und Gelächter, das sich mit dem Los namens Mogens unter meinen Freunden ergibt, weckt in mir ein wenig Spannung, da der Mann bei seinen bisherigen Auftritten offenbar ein paar ganz tiefe Spuren in der nordostdeutschen Erde hinterlassen hat. 

 

Drei Wochen später schiebt Mogens sein gewaltiges Körpermassiv zwischen meine Augen und die am Horizont untergehende Sonne. Plötzlich wird es dunkel. Stockdunkel ist es, als er mich umarmt. Als ich gleich danach durch das Organisationskomitee als sein Herbergsvater benannt werde, stolpert mir Mogens ein zweites Mal, nun mit einer noch innigeren Umarmung, an den Hals. Eine Umarmung, die bei einer objektiven Betrachtungsweise alternativ eine Bezeichnung als Würge oder Schwitzkasten oder gar Black Box verdient hätte. Nach zehn Sekunden ohne frischen Sauerstoff schalten meine Synapsen auf den Lebenserhaltungsmodus. Aus dem Kontrollzentrum erhalte ich das Stichwort Ringermatte und klopfe an der Heckpartie des Dänen kräftig ab. Die Würge löst sich. Ich reagiere nun mit einer in Gebärdensprache formulierten Einladung zu einem offiziellen Begrüßungswhisky an die Bar des benachbarten Klubhauses. Mogens gibt mir zu verstehen, dass ich, anstatt so unkoordiniert mit Händen und Augen zu fuchteln, gern auch in der deutschen Sprache mit ihm in Interaktion treten könne. Im Anschluss nimmt er die Einladung bis zum sechsten Begrüßungswhisky an. Während sich mein Gast ab sofort verpflichtet fühlt, mit weiteren Verbrüderungsgetränken seine blütenweiße Rechnung zu deflorieren, begeben sich die bei einem Glas Rotwein lieb gewonnenen Frauen bereits auf den Nachhauseweg. Wir folgen ihnen zwei Stunden später.

 

New castle. New whisky.

 

Ich lege drinkbegleitend ein wenig Rockmusik auf. Und aktiviere damit einen verborgenen On-Schalter, der sich irgendwo am gestählten Körper des soeben noch sehr müden Wikingers befinden muss. Mit einem abgehackten „Du – hast - Black – Sab - bath?“ kommentiert Mogens sichtbar erregt die ersten Gitarrenriffs von „War Pigs“, schnellt einem Jojo gleich aus dem Sitzmöbel in die Höhe und lässt sein Miene schnurstracks in einen Ozzy-Osbourne-Modus mutieren. Während ich nervös auf dem Barhocker herumrutsche, mir einen ersten genüsslichen Schluck des servierten Single Malt zu Gemüte führt, benetzt sich Mogens seine zusammengepressten Finger mit dem whiskyparallel bereitgestellten Mineralwasser. Mit diesen streicht er sich die lockigen Haare beidseits eines Mittelscheitels in Richtung seiner vollen, ein wenig hamsterähnlichen Wangen glatt. Die von ihm sehr gepflegt zur Schau gestellte Verfellung im Oberlippenbereich wirkt indes nicht wirklich ozzylike. Aber er versucht, diesen Makel durch die Formung riesiger, weit aufgerissener Augen wettzumachen.

 

Hat Ozzy Osbourne einen Silberblick?

 

Der gedankliche Spaziergang in die Ahnengalerie der Rockgeschichte wird abrupt durch meinen Gast unterbrochen, der breitbeinig inmitten des Wohnzimmers stehend damit begonnen hat, ein virtuelles Mikrofon in der Manier eines Lassos zu schwingen. Ich ducke mich instinktiv. Nach jedem der wuchtigen Umschwünge hält Mogens sich dieses gedachte Mikro vor die Lippen und stöhnt in dänischem Akzent angelsächsische Laute hinein, die den aus dem Background vernommenen Osbourne-Originalen mit sehr viel Fantasie ein wenig nahe kommen. Während der instrumentalen Sequenzen von „War Pigs“ erhält das Lasso eine Pause. Mogens begleitet diese Passagen mit einem elektrisierenden Hacken, das seinen Ursprung in den Hüften hat, und eckig-zackigen Körperkrümmungen, deren zentrales, sich stet wiederholendes Element zum Bauch geführte Kniehebeübungen sind. Manchmal lässt er auch, so scheint es, einfach den Bauch auf das Knie fallen. Jedenfalls sind dies Bewegungen, die nach meiner Meinung nie zum Repertoire von Ozzy Osbourne gehört haben können.

 

Zum Ende dieses ersten Songs sinkt Mogens peu á peu auf seine Knie darnieder, beugt sich ganz langsam nach vorn und küsst das auf dem Boden liegende CD-Cover. Um sich beim nun folgenden „Paranoid“ wie von einer Fliesentarantel gestochen zurück in eine verwackelte Senkrechte zu begeben. Er wirft sich den breiten Gurt einer gedachten Gitarre über die rechte Schulter und gibt unter Hinterlassung von deutlich sichtbaren Kratzspuren an seinem polierten Ledergürtel fast drei Minuten lang virtuos Vollgas. Als befände er sich hier nicht kurz nach Mitternacht in einem kleinen Häuschen in der deutschen Provinz sondern bei einem ernstzunehmenden Casting für eine letzte Wildcard, die ihm einen Startplatz bei der anstehenden Luftgitarrenweltmeisterschaft sichert.

 

Auch diese Performance mündet in einen zeitlupigen Kniefall des mittlerweile schwitznassen Solisten zum Abschluss des Liedes. Direkt vor dem CD-Regal. Die Dauer des nun folgenden Titels nutzt er, um einige seiner offensichtlichen Lieblinge aus diesem Hort feinster Rockmusik herauszusuchen. Offensichtlich, da jede einzelne der aus dem Regal gegrabbelten Scheiben von Lauten und Ausrufen begleitet wird, die wohl nordische Begeisterung signalisieren. „Uriah Heep … aaah!“, „Golden Earring … yeahhh!“, „Led Zeppelin … Waaahnsinnnnnsss!“, „Jethro Tull … Aschlocchhhh!“.

 

Mogens steht wieder. Schwankend unternimmt er drei Schritte zum Tisch, greift nach dem Single Malt, einem auserlesenen Jura Diurachs Own, und kippt diesen in einem einzigen, den edlen Gehalt ignorierenden Zug hinunter. Dann spült er ein halbes Glas Wasser hinterher, hebt anerkennend den Daumen in Richtung seines Gastgebers und wirft sich erneut den Gurt seiner Luftgitarre über, die er in einem von mir unbeobachteten Moment abgelegt haben muss. Das nächste Solo steht an. Uriah Heeps „Bird of Prey“ wird sowohl in all seinen instrumentalen als auch vokalen Facetten mit einer solchen Hingabe zelebriert, dass es mir sehr warm, beinahe heiß, ums Herz wird. David Byron, diese unverwechselbare Stimme, ruht in Frieden.

 

Hier ist die dänische Version.

 

Während die ersten Lieder von Led Zeppelins „Physical Graffiti“ aus den Boxen schallen, legt Mogens ein kleines Verschnäufchen ein. Toilettieren. Schweiß abtrocknen. Etwas trinken. Als die Intro von „In My Time Of Dying“ erklingt, springt er plötzlich aus dem Hocker in die Hocke und tickt seinen Zeigefinger auf die Nummer Sechs des Players. „Kashmir“ beginnt. Ich rechne nun mit einem weiteren heißen Gitarrensolo oder auch mit einem solchen am Schlagzeug, werde jedoch ein erneutes Mal schwer überrascht. Die künstlerische Gesamtsituation nimmt in den nächsten Minuten obskure, gar kuriose Züge an. Der nordische Hüne nimmt eine Raupenstellung ein und raupt kreuz und quer durch die kaminrot verflieste Wohnstube. Mal lässt er sich ganz flach auf den Bauch fallen, wieder kniend hebt und senkt er dann sein Hinterteil im Takt von John Bonhams markantem Schlagzeugspiel. So mysteriös dieser Bewegungsablauf, so unwirklich und schräg dieser dänische Raupentanz zur geschätzten Musik von Led Zeppelin wahrgenommen werden – auch in diesem Fall kann ich meinem Gast ein Höchstmaß an Rhythmusgefühl attestieren.

 

Und eine schier unglaubliche Kondition.

 

Die Kopulation zwischen Mogens und den kaminroten Fliesen schleicht zu den letzten Akkorden des Songs nach achteinhalb Minuten mit gediegenen Raupenmoves aus. Im Anschluss fällt die Wahl des nur kurz verschnaufenden Musikkenners auf zwei weitere überlange Stücke der weniger bekannten Alex Harvey Band. Den „Faith Healer“ lässt er im musiktheoretischen Diskurs ohne Tanzeinlagen und instrumentale Begleitung verstreichen. Beim nachfolgenden „Isobel Goudie jedoch erlangt er wieder jene emotionale Fleximobilität, die seine bisherigen Darbietungen so ausgezeichnet hat. Er singt sensibel flüsternd („Isobel Goudie feels so good, she does not do the things that she should …“), klopft mit beiden Zeigefingern die ersten kräftigen Schlagzeugeinsätze taktsicher auf dem Esstisch mit, während seine Stimme langsam an Lautstärke gewinnt. Dann ein Bruch. Nun intoniert er, einen traurigen Blick gen Deckenstrahler gerichtet, mit unbarmherziger Sehnsucht: „She is my lady of the night“. Er pflanzt, seinen gelockten Schopf im Rhythmus seiner vibrierenden Finger schüttelnd, harte Enttäuschung, bittere Wut und ein rollendes R in seine Stimme (“Belladonna, holy water, ashes to ashes and dust to dust - coitus interruptus, fire to fire and blood to blood”), um abrupt in die großartige Dramatik der letzten Songzeilen zu verfallen: „And the virgin and the hunter, they laid together in the night …“. Ein Klassiker in der Morgenstunde zwischen Eins und Zwei.

 

Ich empfange aus dem nicht einsehbaren Bereich ein Geräusch aus der realen Welt. In meinem Rücken erscheint plötzlich seine Frau nachtbehemdet in der halb geöffneten Tür und fragt etwas mir Unverständliches hinein. Es muss eine Frage sein, denn das dänische Fragezeichen gleicht in seiner Phonetik sehr dem deutschen. Mogens wischt die Anfrage mit der flachen Hand wirsch von sich, prostet ihr mit einem Glas Whisky zu, stellt ein weiteres Mal den fleischigsten aller je gesehenen Daumen senkrecht. Alles in einem Guss. Er robbt zum Player und hebt ein in dunklem Grün gehaltenes Cover in die Höhe, auf dem ein bärtiger Mann mit gesenktem Kopf zwei gewaltige Rösser an deren Trensen führt. Dann spricht er einen kurzen, muttersprachlichen Satz in Richtung der Wohnzimmertür. Einen Satz, der noch vor Erreichen der Adresse von einem eilig losgeschickten Luftkuss eingeholt wird. Seine Frau schlägt die Augen kurz auf und lässt sie einmal kräftig um 360 Grad rollen. Dann schließt sie wortlos die Tür mit einem nur für sensible und empathische Beobachter sichtbaren Kopfschütteln. Sie löst ihre Finger lautlos von der Klinke, bevor sie auf der Treppe hinauf in die nächste Etage entschwindet, wo das Schlafgemach vorerst weiterhin auf einen zweiten Nutzer warten muss. Dieser befindet sich bereits am Player, tauscht den Jethro-Tull-Silberling gegen jenen der Alex Harvey Band aus, betätigt die Titelsprungtaste so lange, bis eine 4 im Display erscheint und lässt so das Stück „Moths“ erklingen. Fein und gut … Luftgitarre, Luftschlagzeug, mit ein wenig Vorstellungskraft auch Luftgeige … geschenkt, alles normal und schon einmal gesehen.

 

Ein Uhr 52. Die richtige Zeit, sich die Augen zu reiben.

 

Erneut hat Mogens inmitten des Wohnzimmers einen Platz eingenommen. Dort versucht er seit einigen Sekunden, einbeinig seinen arg alkoholgeschwängerten Gleichgewichtssinn zu justieren. Nach mehreren minder erfolgversprechenden Ansätzen, den großen Zeh des linken Fußes auf dem Innenmeniskus des rechten Knies zu platzieren, gelingt es ihm endlich, Stabilität in den Körper zu bekommen und das Rudern der Arme zu unterlassen. Nun führt er beide Hände nach oben neben die rechte Wange, parallel in die Höhe seines Mundes. Er krümmt die Finger, spitzt die Lippen und beginnt, entsprechend den hörbaren Einsätzen aus den Lautsprechern, Flöte zu spielen. Genauer gesagt: Luftquerflöte. Seit jenem Tag ein nachhaltiges Element in meinen musikalisch untersetzten Kurzfilmen.

 

Wir steigen nach einem Scheidebecher in das nächste Stockwerk. Ich weise hier mit letzter Kraft ein: dort ich, dort du, dort sanitärer Luxus. Drei Türen, sehr leicht zu merken. Ich lasse dem Gast den Vortritt für die morgendliche Gute-Nacht-Toilette und schicke mich im Anschluss selbst ein bisschen für das Bett auf. Eine Treppe weiter oben, auf dem noch nicht vollständig ausgebauten Spitzboden, schlafen zwei neunjährige Jungs auf ausgelegten Matratzen. Mein Sohn, dessen angestammtes Zimmer für zwei Nächte von dänischen Schlafgästen belegt ist, und sein Freund aus dem Fußballverein. Die beiden Kinder haben vom rockmusikalischen Exkurs, der sich in den letzten drei Stunden im Parterre ereignet hat, nichts mitbekommen. Mit der aufgehenden Sonne werden allerdings diese Jungs ebenso von einem heftigen Gerüttel am Bodenfenster der zweiten Etage geweckt wie meine Frau. Diese klettert bestürzt und eilig nach oben und findet zwei erschrockene, aufrecht in ihren Behelfsbetten sitzende Kinder vor, die mit ihren Händen auf einen äußerst muskulösen und großgewachsenen Mann weisen, dessen nordischer Körper kaum einen Lichtschein durch das Fenster dringen lässt. Dieser Mann, splitternackt, krallt seine linke Hand in den Rahmen des soeben mittels grober Motorik geöffneten Fensters, während seine rechte einen sehr ausdauernden und nahezu waagerechten Urinstrahl hinweg über das kniehohe Balkonelement in Richtung des benachbarten Carport-Daches lenkt. Mit zitternder Stimme fragen die Kinder: „Wer ist dieser Mann?“

 

„Das ist Mogens.“ 

 

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